Die Lehre als erfolgreicher Ausbildungsweg

Im Gespräch mit Frau Dr. Eichinger-Kniely

  • Frau Dr. Eichinger-Kniely widmet Ihre Arbeit den Lehrlingen. Als WKO-Referentin der Abteilung Bildungspolitik und Geschäftsführerin des Bundes-Berufsausbildungsbeirats weiß sie genauestens um die Ausbildungssituation Bescheid. So sind es vor allem Fähigkeiten in Mathematik, die sprachliche Kompetenz und das Beherrschen von Umgangsformen, die im Arbeitsleben gefragt sind. In unserem Interview haben wir interessante Details rund um die Lehre erfahren:

Frau Dr. Eichinger-Kniely, wie sieht die Landschaft der Lehrberufe in Österreich aus?

  • Es gibt 198 Lehrberufe mit einer Ausbildungsdauer von mindestens zwei bis maximal vier Jahre in Österreich. Unterschieden wird zwischen Einzel-, Schwerpunkt- und Gruppenlehrberufen sowie modularen Lehrberufen.

    Zu den Einzellehrberufen zählen beispielsweise die Ausbildung zum Frisör oder Maler. Die Schulung ist also auf einen Tätigkeitsschwerpunkt beschränkt. Bei den Schwerpunktlehrberufen, wie etwa die Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann/-kauffrau wird man für unterschiedliche Branchen im Verkauf ausgebildet. Die Gruppenlehrberufe fassen mehrere fachverwandte Lehrberufe zusammen, wie dies beispielsweise bei der Ausbildung zur Informationstechnologie zur Anwendung kommt. Die Kategorie Modulare Lehrberufe baut auf einem Grundmodul auf und im Anschluss erfolgt eine Aufspaltung in unterschiedliche Hauptmodule. So gibt es im Bereich KFZ die Hauptmodule „PKW“, „Nutzfahrzeug“ und „Motorrad“. Ergänzt werden kann diese Ausbildung dann noch um sogenannte Spezialmodule. Im zuvor erwähnten Beispiel sind dies die Bereiche „Hochvoltantriebe“ oder „Systemelektronik“. Somit ist eine Spezialisierung während der Ausbildung möglich. Dieses vertiefte Wissen wird in vielen Unternehmen sehr geschätzt.

Wie viele Lehrlinge gibt es momentan in Österreich?

  • Aktuell beschäftigen 30.000 Lehrbetriebe knapp 100.000 Lehrlinge , wobei sich die meisten Ausbildungsstellen in Oberösterreich, der Steiermark sowie Niederösterreich befinden.

    Den Großteil der Lehrstellen stellt die Sparte Handwerk und Gewerbe, die 56% des Ausbildungsangebots abdeckt. An zweiter Stelle befindet sich der Handel, gefolgt von Tourismus und Industrie.

Warum sollte man als Unternehmen Lehrlinge ausbilden?

  • Der große Vorteil eines Ausbildungsbetriebes ist, dass man sich seine Fachkräfte von morgen selbst schult und heranzieht. Gerade Branchen, die mit einem Fachkräftemangel zu kämpfen haben, sind  damit im Vorteil.

Welche Voraussetzungen muss man als Ausbildungsbetrieb erfüllen?

  • Die Grundlage ist das BAG (Berufsausbildungsgesetz). Dieses schreibt genau vor, wie die Ausbildung zu erfolgen hat. Als Lehrbetrieb benötigt man unter anderem eine bestimmte Ausstattung und man muss über eine qualifizierte Fachkraft verfügen. Das Vorhandensein eines Ausbilders ist ebenso verpflichtend. Der Erwerb der Berechtigung zum Ausbildungsbetrieb erfolgt dann durch ein Feststellungsverfahren der Lehrlingsstellen der Wirtschaftskammer.

Welche arbeitsrechtlichen Belange muss man bei Lehrlingen berücksichtigen?

  • Grundsätzlich handelt es sich nicht um einen Arbeits-, sondern um einen Ausbildungsvertrag,  bei dem die Ausbildung im Vordergrund steht. Eine der Besonderheiten ist, dass eine Kündigung nur in Form einer außerordentlichen Auflösung mit vorgeschaltetem Mediationsverfahren vorgesehen ist. Auch die Arbeitszeiten sind durch das Kinder- und Jugendbeschäftigungsgesetz geregelt.

    Bei Fragen oder Unterstützungsbedarf können in den Lehrlingsstellen der Wirtschaftskammern Coachings und geförderte Programme für Unternehmen und Jugendliche beantragt werden.

Wie kommt man als Ausbildungsbetrieb an Lehrlinge?

  • Die Berufsorientierung beginnt gegen Ende der Pflichtschulzeit in den letzten beiden Schulstufen. Hier bietet der BIC (Berufsorientierungscomputer) einen Überblick über das umfangreiche Ausbildungsangebot.

    Ein Angebot der Wirtschaftskammern stellt das Talent-Center dar: In einem Begabungs- und Interessenstest werden die Stärken der Schüler und die dafür passenden Ausbildungen ermittelt.

    Eine weitere Möglichkeit sich Klarheit über seinen Ausbildungswunsch zu verschaffen sind Schnuppertage. Bei diesen können die Schüler in ihren Wunschberuf hineinschnuppern. Das ist nicht nur eine gute Gelegenheit für die Jugendlichen, sondern auch für die Unternehmen, um potenzielle Lehrstellenkandidaten kennenzulernen. Oftmals bedeutet die positive Absolvierung eines Schnuppertages eine garantierte Lehrstelle nach Abschluss der Schule.

    Die Schule gilt vor allem im ländlichen Bereich als wichtige Drehscheibe für die Vermittlung von Lehrstellen bzw. von Lehrlingen. Ein intensiver Kontakt der Unternehmen mit den Schulen ist somit ein wesentlicher Bestandteil in der Rekrutierung.

    Für all jene Jugendliche, die nach Beendigung der Schule auf Suche gehen, gibt es die Lehrstellenbörse von WKO und AMS.

    Können Lehrstellen trotz aller Bemühungen nicht besetzt werden, bietet das Programm b.mobile Hilfe. Mit dieser Intitiative werden Lehrstellensuchende überregional an Unternehmen vermittelt.

Wie werden Lehrberufe weiterentwickelt?

  • Der Bundes-Berufsausbildungsrat sorgt dafür, dass die bestehenden Berufsbilder an die sich ändernden Rahmenbedingungen und an den Stand der Technik angepasst werden. Im Durchschnitt werden jährlich 10 neue Verordnungen (Novellierungen und neue Lehrberufe) beschlossen.

Werden besondere Eigenschaften gefragt?

  • Welche Ansprüche die Betriebe an ihre potenziellen Lehrlinge haben, wurde kürzlich in einer Studie der Steirischen Volkswirtschaftlichen Gesellschaft (STVG), die von WK-Steiermark und IV beauftragt wurde, erfasst. So sind es vor allem Fähigkeiten wie Mathematik, Deutsch, Informations- und Kommunikationstechnologie-Kompetenzen und das Beherrschen der englischen Sprache, die eine große Bedeutung haben. Aber auch die passenden Umgangsformen wurden als wichtiges Kriterium erwähnt.

Fact Box

    • 198 Lehrberufe
    • 30.000 Betriebe mit rund 100.000 Lehrlingen
    • Unterscheidung zwischen Einzel-, Schwerpunkt- und Gruppenlehrberufen sowie modularen Lehrberufen
    • Die Anerkennung als Lehrbetrieb erfolgt mittels Feststellungsverfahrens bei den Lehrlingsstellen der WKO
    • Zusammenarbeit mit den Schulen, dem AMS und der WKO um Lehrstellensuchende zu finden

Weiterführende Informationen